Laudatio anläßlich der Ausstellung "Erinnerungen " in der Galerie im

Theater an der Ilmenau in Uelzen gehalten von Frau Elisabeth Hohmeister

 

Erinnerungen

 

Mnemosyne ist die Göttin der Erinnerung und des Gedächtnisses. Zwar hat sie sich als ein sehr leichtfertiges Mädchen erwiesen (1), was kein geringerer als Vladimir Nabokov im Vorwort seines Buches " Sprich, Erinnerung sprich " einräumt. Mit ausgefeilter Kennerschaft erzählt Nabokov von den Begegnungen mit dieser wandelbaren Göttin, die sich höchst eigenwillig in Szene setzen kann, die sich für den Augenblick, aber auch für viele Jahre zu entziehen weiß, um dann plötzlich in berückender wie bedrückender Schönheit wieder aufzutauchen. Nabokov erzählt wie sich Mnemosynes Gestalt durch Gespräche und Begegnungen mit Menschen, durch Auffinden von Gegenständen und durch Entdeckungen von Orten und wiederholten Besuche dorthin verändert.

 

Glaubt man aber Teilen der Medienwissenschaft und der Presse, dann ist die Chance, diese eigenwillige Tochter des Uranos und der Gaia im Land er Bilder zu finden, verspielt. Denn -

Die Bildkaskaden der audiovisuellen Medien erheben kaum (noch) Anspruch auf aktives Erinnern. Zur Gedächtnispolitik kommerzialisierter Kommunikation gehört es, dass die Bilder auf vergessensintensive Serialität angelegt sind, nicht auf bewertendes Erinnern (2).

Erinnerungen zerstören die lückenlos zusammenhängenden Folgen. Sie unterbrechen, sie greifen ein in die Flut der Bilder und Zeichen des modernen Alltags, versuchen sich einzuhaken in Gegenwärtiges. Doch wie lange wird Erinnerung noch diese Rolle spielen in den Ablenkungen des Alltags, sich - wie Gottfried Herder es 1772 nannte - besonnen in den schwebenden Traum der Bilder (3) einmischen ? Die Idee dieser Ausstellung ist eine Möglichkeit, sich mit diesen Gedanken auseinanderzusetzen. Danke den Künstlern des BBK, die hier ihre Arbeiten vorstellen und so zum Dialog mit Bildern auffordern. Heimat sollte Thema werden, so waren die ersten Überlegungen der Gruppe und - wie wir später sehen werden - integriert sich dieser ursprüngliche Einfall in das weite Feld der Erinnerungsarbeit der Künstler.

Gegen die Befürchtung, dass in der Medienflut die Erinnerung untergeht, hat uns Friedrich Nietzsche einen Hinweis gegeben, wie Mnemosyne zu finden ist, wie sie erscheint - auch wenn Nietzsche die Göttin nicht bei Namen nennt.

Es ist ein Wunder : - der Augenblick, im Husch da, im Husch vorüber, vorher ein Nichts, nachher ein Nichts, kommt doch noch als Gespenst wieder und stört die Ruhe des späteren Augenblicks. Fortwährend löst sich ein Blatt aus der Rolle der Zeit, fällt heraus, flattert fort - und flattert plötzlich wieder zurück, dem Menschen in den Schoß. Dann sagt der Mensch < ich erinnere mich > und beneidet das Tier, welches sofort verfisst (4).

Plötzlich heißt es da, unwillkürlich ist die Erinnerung da. Sie bleibt, gehört zu den Menschen, und sie hat einen Vorrat an Szenen, Worten und natürlich auch Bildern bei sich. (70 Prozent schon im ersten Lebensdrittel gespeichert) Sie lagern in Erinnerungsräumen - eine Bezeichnung der Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann. In ihrem Buch "Erinnerungsräume " benennt sie deren doppelte Gestalt. Da gibt es das Unbewohnte Speichergedächtnis. Es funktioniert wie ein Speicher, sammelt und bewahrt Quellen, Objekte, Daten unabhängig, ob sie in der Gegenwart gebraucht werden. Als passive Gedächtnisform lässt es sich beschreiben neben der aktiven Erinnerungsform, dem bewohnten Funktionsgedächtnis. In diesem Gedächtnisraum mobolisiert die Erinnerung Zeiterfahrung, wählt aus dem Bestand der kulturellen Überlieferung aus. Der Ausschnitt der Erinnerung wird aus nur einem Blickwinkel betrachtet, in einem bestimmten Zeitabschnitt wahrgenommen und paart sich mit der Vorstellung einer zukünftigen Entwicklung, konstruiert also im weitesten Sinne ein interessengeleitetes Bild der Vergangenheit.

Betrachten wir die Gedächtnisräume in ihrer Gestaltung, so ist uns das bewohnte Funktionsgedächtnis vertraut mit den individuellen Erinnerungen. Das unbewohnte Speichergedächtnis, das aus eine Überfülle von Daten entstanden ist, bleibt in seiner Totalität jedoch unübersehbar Erinnerungsraum. Er basiert auf einer gemeinsamen Erfahrung mit Bildern und Büchern, einem gemeinsamen Symbolsystem, das eine gemeinsame kulturelle Identität schafft als Fundament des kulturellen Gedächtnisses. Die Verwaltung dieser Materialien liegt in der Hand von Historikern und Spezialisten in Museen und Archiven und muss uns hier nur insoweit interessieren, wie die Künstler mit diesen Materialien agieren, sie in die Erinnerungsarbeit aufnehmen. Neben den erwähnten Gedächtnisformen, der künstlich kulturellen und der lebendigen individuellen steht, die unbewusste Gedächtnisform, das Verdrängen.

Die Ablagerung von Rudimenten einer vergangenen Epoche, unbrauchbar Gewordenes und achtlos Aufgegebenes verschwindet aus dem Blickfeld, lagert sich in Schichten ab und gerät so in einen Latenzzustand. In späteren Zeitabschnitten besteht die Möglichkeit, das kulturelle und ausgeblendete Gut wieder aufzugreifen und zum Impuls eines gestalterischen Prozesses zu machen. Mit dieser Wiederbelebung entwickelt sich das Spiel mit der Erinnerung in den Gedächtnisräumen. Alle Erinnerungen, die geweckt werden, Personen oder Dinge, die ins Bewusstsein geholt werden, sind nie mehr Abbild des ursprünglichen Erlebens. Jede Erinnerung ist zurecht gelegt und verwurzelt sich an anderer Stelle erneut. Im Erinnern ist stets auch das Vergessen impliziert, denn Erinnern und Vergessen gehören zusammen. Vielleicht kennen sie das Zitat von Francis Bacon, der diese Gedanken in einem eindringlichen Bild beschrieben hat.

Wenn du ein Licht in eine Ecke trägst, verdunkelt sich der Rest des Raumes.

 

Was vergessen wird, lässt sich nicht genau benennen. Über die Macht der Sprache denkt man in jüngster Zeit wieder mehr nach. Bekannt aber ist : böse Bilder haben es schwer bei Mnemosyne. Eine mögliche Erklärung für die Angst vor Bildern könnte sein, dass ihre traditionelle Wahrnehmung noch immer auf den Vorstellungen fußt, Bilder schürten Affekte und seien von unkontrollierter Wirkung. Eindeutig ist, das bestätigt auch diese Ausstellung : Das Vergessensmaterial ist so unerschöpflich wie das Erinnerungsmaterial. Bildererinnerungen werden hoch gespült und sind abrufbar. Mit Mnemosyne am Rand des Arbeitstisches im Gespräch kann der Künstler sich und seine Bilder entwickeln. Erinnerungen verwandeln sich zum authentischen Bild, gewinnen durch Erinnern künstlerische Authentizität und damit Qualität. Im Prozess der Metamorphose verbirgt sich dann ein anderes behutsames Geheimnis - , das der Kunst. Grenzverletzungen sind erwünscht, auch - um gegen gewohnte ästhetische Prinzipien zu verstoßen. Nur mit kritischen Augen lässt sich der Memoryeffekt, der schon immer zu gewissen Modernisierungsverzögerungen und Geschmackskonservativismus geführt hat, wie der Literaturwissenschaftler Klaus Doderer das benennt, vermeiden. Mit Bildern, die ohne das Gold der Erinnerung gefertigt und gelesen werden, lässt sich Erinnerung bewerten :  verliert Kunst die Distanz - wesentlichen Anspruch von Kunst - verliert sie sich im Gewöhnlichen, wird Mittelmaß.

Der Künstler ist in den Erinnerungsräumen Teil des kollektiven Gedächtnisses und zugleich an dessen Entstehung beteiligt - die Bedeutung von Kunst schlechthin.

Die Wege, die die Aussteller gegangen sind, um sich dem Thema ERINNERUNGEN anzunähern, sind in ihrer Vorgehensweise unterschiedlich. Niemals aber ist ein direkter biografischer Bezug abzulesen. Einige Künstler haben sich konkret erinnert an Arbeiten, die in bestimmten Lebensphasen entstanden sind und die in ihren Erinnerungsräumen gespeichert sind. Sie wurden dort abgeholt in dem Kontext der Ausstellung neu Wert geschätzt. Andere, die Mehrzahl, haben das Thema als Impuls für eine aktuelle Auseinandersetzung genutzt und spiegeln ihren Umgang mit Erinnerungen im künstlerischen Prozess mit den heute hier frisch gezeigten Arbeiten. Mnemosyne ist überall zu finden.

 

Gehen wir nun gemeinsam mit der flatterhaften Göttin in der Ausstellung spazieren, um das Gespräch mit den Bildern zu suchen.

Erinnerungsräume der Kindheit

Auf die Reise durch das eigene Leben zurück hat Mnemosyne einige Künstler mitgenommen - so

Helmut Bredtmeyer in die norddeutsche Heimat im vorsichtig, doch genauen Ton des Aquarells,

nach Rügen zu Meeresschauspiel und Ostseezauber Katja Lasar mit sensibel gesetzten Farbstifen.

Aufmerksam Ich höre dich und auch ungewiss, offen - do you remember ? führt Mnemosyne ans ölige Meer mit

Marlis Bredin und in frühe Lebensphasen Waldemar Nottbohms, der mit seinen Bronzen, sich an dörfliche Strukturen erinnert. Aber ihre dunkle Seite zeigt die Göttin ihm auch in den Erinnerungsbildern einer zerstörten Stadt seiner Kindheit.

Von Erinnerungsräumen im Wortsinn und zugleich im übertragenden Sinn erzählen die Arbeiten von Renate Schmidt. Sie hat sich künstlerisch erinnert an die Räume nach der Auflösung ihres Elternhauses. Sie hat die Räume selbst zum Gegenstand ihrer Arbeiten gemacht, hat mit den bloßen Wändes des Gebäudes gearbeitet. In den abgehängten Bildern wird Mnemosynes Handschrift deutlich als Leestellen der Vergangenheit.

 

Mensche trifft Mnemosyne bei Keike Pelikan in Momenten des belichteten Augenblicks. Ihre Fotografien zeigen Mitglieder ihrer Familie, die zugleich in ihren Trachten Teil des kulturellen Gedächtnisses einer Gemeinschaft sind. Munter hat sich Mnemosyne auf die Kante des Objektkastens von Katja Schaefer - Andrae geschwungen, die Freiräume genutzt und die Beine über Ölfarbentuben der Großmutter  Ansel Andrae - gleich einem Kind - baumeln lassen.

Erinnerungsräume der Seele

Entlang des Risses in der Arbeit von Sonja Schumacher kann Mnemosyne nur überlegen, ob es eine Familie sein könnte - die vier Menschen. Aber es könnten auch Erwachsene und Kinder sein, es könnte eine WG sein, eine zufällig gefundene Gemeinschaft irgendwo auf der Straße. Mnemosyne will sich nicht entscheiden, sie verbirgt sich und erzählt von Stimmungen und Schwingungen in Seelenlandschaften. In Orte den Unbewussten, in Traumlandschaften, entführt Mnemosyne Norbert Birnbaum. Ungefähr, zeichenhaft, offen bleiben seine Bewegungen mit der gelben Erscheinung der Göttin und ihren Spuren. In den Zelten von Jutta Weingarten hat sich die Göttin versteckt. Sie sind Zeichen der Besinnung, was ist Wirklichkeit, was gewinnt Bedeutung ? Menschen braucht Mnemosyne an diesem Ort nicht.

Der Impuls aller Arbeiten liegt nicht nur in der Verfertigung, um dieses wunderbare Wort einmal wieder zu gebrauchen, eines neuen Bildes, sonder auch im Prozess zurück ins Haus der Mnemosyne, so begleiten wir sie jetzt in

Gedankengebäude

Wie sieht er aus der Mechanismus des Erinnerns, fragt Karl - Friedrich Jacobs, bedenkt Kommen und Gehen im Übereinandermalen verschiedener transparenter Farbschichten. Aquarellieren als Denkprozess ? Was passiert mit der Erinnerung ? Gegenstände, Situationen und Erinnerung holt Vera Dornfeldt mit ihrem Würfel in das wechselnde Blickfeld, Formen und Farben der Erinnerung probiert sie aus. Hier kann Mnemosyne ihr Kleid tüchtig flattern lassen. Meist durcheinandergewürfelt ist das Spielzeug der Mnemosyne, doch Renate Meyer sucht Symbole und Details und montiert die Zeichen unter den Händen der Göttin neu zusammen.

Räume des kulturellen Gedächtnisses

Beginnen wir höflich mit dem Besuch bei Anette Grund, dem Gast des BBK aus Hannover. Offensichtlich wollte Mnemosyne nicht allein reisen, sie hat ihre Töchter mitgebracht. Farbenfroh blicken sie uns an, diese viel besungenen Kinder des Zeus. Rot im Farbspiel bei Brigitte Jerosch - Dürfeldt, da hatte Mnemosyne viele Jahre reichlich Stoff. In dieser Arbeit spielt das Rot des chinesischen Zirkus eine Hauptrolle, dass als Farbe, auch in das kulturelle Gedächtnis der Deutschen eingegangen ist. Heinrich Heeren zeigt in seinen fast noch nassen Aquarellen nach einer Reise ins Land der Kunstschätze - Italien - die Göttin der Erinnerung, verortet im kulturellen Wissen und zugleich verbandelt mit Heerens aktueller Erfahrung eines Aufenthaltes in Pompeji. Töne des Blues lässt Mnemosyne bei Walter Tarnow erklingen. In den Klängen dieser Musik hat sich Mnemosyne tüchtig breit gemacht, drum gibt das Blau des Blues ein treffliches Beispiel vom Vermögen der weitgereisten Göttin.

Erinnerungsraum Schrift

Und last but not least hat sich Mnemosyne mit zwei Künstlern eine enge Gefährtin eingeladen, die ägyptische Göttin der Schriftzeichen Seschat. Schlank und aufrecht muss Mnemosyne stehen bei Georg Lipinsky, mehr Platz ist nicht zwischen den Buchstaben aus den Archiven, die Seschat auf der Leinwand braucht. Auch wenn die Göttin der Erinnerung sich schmal macht zwischen den Zeilen, beweist sie : nicht objektiv ist diese Erinnerung, sondern emotional bewertet - datengeschützte Erfindungen (5) nennt Wolf Singer, er bekannte Neurowissenschaftler, diesen collagierten Umgang mit der Erinnerung. Wil Frenken hat sich Seschat in sein künstlerischen Zuhause geholt. Und inszeniert eine Begegnung der beiden Göttinen. Einzig dem uralten Werkzeug des kulturellen Gedächtnisses, Schrift, gibt er eine Form und überlegt : Das was wir sind, ist das, was wir waren und setzt auf den drei Blättern das - ist das - mittig.

Spurensuche in Erinnerungsräumen bei jeder der Arbeiten, für jeden Betrachter - sie erinnern sich :

Es ist ein Wunder : - der Augenblick, im Husch da, im Husch vorüber.

In diesem Sinne viel Freude mit Mnemosyne - dieser vielsagenden auf vielversprechenden Bildern.

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(1) Nabokov, Vladimir : Sprich, Erinnering sprich. Hamburg, Rowohlt 1985, S. 13

(2) Assmann, Aleida : Erinnerungsräume, München, Beck 1990 S. 412

(3) Assmann : s.o. S. 412

(4) Assmann : s.o. S. 413

(5) Die Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst Hg. von Petra Fuchs, Maike Rotzollu u. Göttingen, Wallstein Verl. 2007 S. 84